Die ersten Vorurteile gegenüber Jenny McCarthys Buch hatte ich schon, bevor ich es überhaupt kaufte:
ich schrieb bereits über ihre wirren Vorstellungen, sie sei eine Indigo Mom und ihr autistischer Sohn Evan ein Crystal Child.
Ich wollte dem Buch trotzdem eine Chance geben, zumal Jenny McCarthy in den USA von einer Talkshow zur nächsten gereicht wird, und ein Foto von ihr und ihrem Sohn gerade das Oktober-Titelblatt des People Magazine krönt, mit der Überschrift: "Fighting For My Autistic Son." Warum die Mütter immer alle gleich kämpfen müssen? Natürlich ist die Therapiesituation in den USA um Einiges schlimmer als in Deutschland, aber darauf bezieht sich das Kämpfen leider nicht hauptsächlich. Gekämpft wird vor allem um die Normalität des Kindes, wie auch der Untertitel des Buches: "A Mother’s Journey in Healing Autism" mir sogleich bezeugte, als ich das bestellte Buch in der Hand hielt.
Trotz des formulierten Ziels der Heilung zückte ich noch immer nicht die rote Karte. Und die ersten Seiten waren dann auch gar nicht so schlimm: der Sohn litt im Alter von zweieinhalb Jahren plötzlich an einer Epilepsie (auch wenn McCarthy hier schon wankelt, weil sie sich weigert, die Epilepsie als solche anzuerkennen); bald darauf folgte die Erkenntnis, dass die Epilepsie nur ein Teil einer Grundstörung ist: Autismus. Die ersten Krankenhausbeschreibungen im Rahmen der Epilepsie und auch die Erfahrungen mit dem Austesten verschiedener Antikonvulsiva und ihrer Nebenwirkungen, konnte ich sehr gut nachempfinden. Es war fast haargenau so, wie ich es mit meinem Sohn erlebt habe.
Nur leider wird McCarthy dann halt ziemlich hysterisch, gibt 4.000 Dollar pro Woche (!) für Therapien aus, und probiert alles aus, was man jemals in Bezug auf Autismus als Behandlung gehört hat. Sie sagt von sich, sie habe mittlerweile einen Doktor in "Google Forschung." Vielleicht sind genau da die Grenzen des positiven Interneteinflusses: wenn Menschen Informationen nicht richtig verstehen, kritisch hinterfragen und eigenständig bewerten können, und stattdessen einfach alles glauben und ausprobieren. Sie fragt sich dann, warum sie in den verschiedenen Behandlungsräumen immer nur Mütter trifft – und zwar Mütter, die vom mangelnden Engagement ihrer Ehemänner enttäuscht sind. Sie und diese Mütter merken nicht, dass sie fanatisch und hysterisch sind.
Eine der für mich schlimmsten Stellen ist gegen Ende des Buches, als sie von der intensiven ABA-Therapie berichtet, die sie in ihrem eigenen Haus durchführen ließ (ich zitiere mal in meiner Übersetzung):
"Es war schwer, mein Kind nebenan schreien zu hören, manchmal für drei Stunden ohne Unterbrechung. Der Therapeut verlangte zum Beispiel von Evan, dass er sagt: 'Ich möchte', anstatt zu sagen: 'Evan möchte.' Evan nennt sich selbst immer Evan, er wollte nicht 'Ich' sagen. Also war es sehr wichtig, daran zu arbeiten, aber Evan konnte das nicht verstehen. […] Autistische Kinder möchten sich wohlfühlen, und das tun sie, wenn sie zum Beispiel ihren eigenen Gedanken nachhängen oder Objekte drehen. Ein Kind aus dem Fenster des Autismus herauszuziehen ist eine schwierige Angelegenheit, eine Straße voller Schlaglöcher, und ich war bereit dazu, dass Evan von diesen Schlaglöchern gebeutelt wird, bis ich mit ihm fertig bin." (S. 150/ 151)
"I was prepared for Evan to be sore by the time I was done with him." Dieser Auszug illustriert auch ziemlich gut, worum es in dem Buch vor allem geht, nämlich nicht um den Sohn, sondern um Jenny McCarthy, und was sie fühlt und was sie will. Es gäbe noch viele Wahnsinnigkeiten, aber ich lasse es mal dabei bewenden. Dass diese Frau in den amerikanischen Medien derart hofiert wird, und damit die Autismus-Diskussion maßgeblich prägt, das ist traurig.
Ich kann nur hoffen, dass sich nun nicht auch noch ein deutscher Verlag dazu entschließt, wegen der Berühmtheit der Autorin dieses Buch übersetzen zu lassen und in Deutschland zu veröffentlichen. Es gibt so viele bessere, viel bessere Bücher zum Thema, die noch nicht übersetzt sind, wie zum Beispiel Susan Senator’s "Making Peace with Autism", für das ich immer noch keinen deutschsprachigen Verlag gefunden habe.
wasweissich Nicht zu empfehlen - 23. Okt, 14:00