Autismus als Metapher

Post-autistic economics

Nicht nur die Medien und die Politik bedienen sich zunehmend gerne des Autismus als Metapher, auch in der Wirtschaft ist dieser Trend vor Jahren schon angekommen, namentlich in der französischen Bewegung "Post-autistic economics."

(Immerhin wird bei Wikipedia die Kritik am Begriff thematisiert: "The term autistic is used in an informal way, synonymous to 'closed-minded' or 'self-absorbed'. It has been criticized for using the medical diagnosis, autism, as a derogatory expression.")

Autismus als Metapher für das Böse?

Ein Artikel zum Thema "Autismus als Metapher":

"Offenbar ist "Autismus" zu einem metaphorischen Sammelbegriff für Brutalität, Egozentrik, Selbstbetrug und Verlogenheit, für die Unfähigkeit, andere neben sich existieren zu lassen, für Vertreibung und Völkermord geworden, der den kollektiven Abscheu der sich überlegen fühlenden demokratischen Staaten ausdrücken soll. Es ist jedoch erstaunlich, daß in der Ära der political correctness, die mitunter zu grotesk-höflichen Sprachverrenkungen führt, die wiederholte Denunzierung einer Gruppe von Behinderten unwidersprochen hingenommen wird."

...

Was mich als stetige Beobachterin der "Metaphorisierung des Autismus" natürlich erfreut: die New York Times sagt "faux-autism."

"Das Schmollen der Autisten"

Autismus als Metapher läuft diese Woche im "Spiegel" (Ausgabe vom 22. Januar) zur Hochform auf. Der Produzent Günter Rohrbach kritisiert die deutschen Filmkritiker und rankt seinen zweiseitigen Artikel um einen Autismusvergleich, der schon groß im Titel auftaucht: "Das Schmollen der Autisten."

Liste der Charakteristika:
  • Eitle Selbstdarsteller
  • Lieben Egotrips
  • Übertriebene Spezialisierung
  • Verminderte Erlebnisfähigkeit
  • Mangelndes Gespür für die Interessen des Publikums
  • Sie seien einsam im Gehege ihrer kostbaren Empfindungen
Rohrbach macht einen "Ethos der Unabhängigkeit" und eine "Aura kommunikativer Verweigerung" aus. "Zu Kommunikatoren bestellt, entwickeln sich nicht wenige Kritiker irgendwann zu Autisten, die allenfalls noch mit ihresgleichen kommunizieren."

Deshalb haben sie "nicht nur ein Legitimations- sondern ein Existenzproblem." Rohrbach fragt: "Ist das spärliche Lob, das sie uns gelegentlich spenden, es wert, all die Schmerzen zu ertragen, die sie uns zufügen?"

Keine Frage, es geht hier keineswegs um das Syndrom Autismus, Rohrbach bedient sich nur großzügig einer Metapher. Großzügig, denn der Artikel ist geradezu ein Schlagwortkatalog der Eigenschaften, die man Autisten – oft fälschlich – nachsagt, oder die sie zumindest keineswegs ausreichend charakterisieren.

Ich frage mich aber, wie stark die zunehmende metaphorische Vereinnahmung doch auf die gesellschaftliche Wahrnehmung des Syndroms zurückwirkt.

Snowcake in der "Zeit"

In der Rezension von Evelyn Finger geraten Autismus als Metapher und Autismus als tatsächliches Syndrom aber ganz schön schwer durcheinander. So sehr man sich freuen möchte, dass das Unangepasste auch einmal als Stärke und überhaupt als positiv beschrieben wird, so wenig funktioniert das in einem solchen Kuddelmuddel, wie es diese Rezension veranstaltet.

Autismus als Metapher (Sammlung)

Könnte man ja auch mal ein bisschen sammeln, wie die Metaphorisierung so voranschreitet. Das fiel mir gerade ein, weil sich die Süddeutsche anscheinend auch immer lieber bedient:

Autismus als Metapher

Der metaphorische Gebrauch des Begriffs Autismus bei Dietmar Dath ist nur ein Beispiel dafür, dass Autismus immer häufiger als Referenzgrundlage benutzt wird. Wir hatten das ja auch schonmal in verschiedenen Weblogs thematisiert, wenn wieder jemand "autistisch" schrieb. Gerade die Verwendung des Adjektivs "autistisch" ist nahezu inflationär. Es ist insofern von metaphorischem Gebrauch zu sprechen, als weder das Syndrom Autismus noch die tatsächlichen damit verbundenen Störungen und Verhaltensweisen eine Bedeutung für die Benutzung des Wortes haben. Autismus wird (inkorrekt, aber mittlerweile etabliert) als Synonym für ein Für-sich-Sein, In-einer-eigenen-Welt-Sein verwendet.

In diesem Wortgebrauch könnten zunächst potenziell alle Tätigkeiten, die man alleine ausführt, als autistisch gelten. So wie ich das beobachte, wird der Begriff aber vor allem in Bezug auf den vielfältigen Gebrauch von Medien verwendet. Jemand, der mit einem iPod in der U-Bahn sitzt, kann als autistisch bezeichnet werden, weil er durch die Musik die anderen Menschen in der Bahn ausblendet. Wer den ganzen Tag alleine am Computer sitzt, kann als autistisch bezeichnet werden. Alles, was mit dem Internet und mit Virtualität zu tun hat, ist im heutigen Wortgebrauch autismusverdächtig. Interessant ist, dass Menschen vor allem immer häufiger von sich selbst behaupten, sich autistisch zu verhalten. Sätze wie: "Ich war heute den ganzen Tag nur im Internet, ich muss wirklich aufpassen, dass ich nicht zu autistisch werde", oder ähnliche Sätze hört und liest man immer öfter.

Das ist merkwürdig. Jemanden, der gerne liest und gerne mal alleine ist, bezeichnet man auch heute nicht unbedingt als autistisch. Und dieser Jemand würde sein eigenes Verhalten vermutlich auch nicht einer sprachlichen Autismusdiagnose unterziehen. Dabei ist jemand, der liest, viel mehr in einer eigenen Welt als jemand, der ein Posting in ein Forum schreibt, dessen andere Mitglieder er zu einem Großteil kennt und teilweise abends zum Biertrinken trifft. Ich erkläre mir diese paradoxe Verwendung des Autismus so: Lesen und abends ganz unabhängig davon vielleicht irgendwelche Leute treffen, das ist klassisches Kommunikationsverhalten. Wir gebrauchen dafür keine pathologischen Begriffe. Alles, was aber mit neuen Medien und neuem Kommunikationsverhalten zusammenhängt, vor allem auch die Exzessivität derer Benutzung, ist so anders funktionierendes Verhalten, dass wir es kritisch untersuchen und auch uns selbst selbstkritisch betrachten, wohin uns Handys, WLAN, Instant Messaging und andere Veränderungen treiben.

Wenn man sagt: "Ich muss mal ohne iPod U-Bahn fahren, ich schotte mich ja immer mehr ab, ich werde ja schon ganz autistisch", dann drückt das eine Angst davor aus, dass die Vielfalt der Medien uns isolieren könnte, wie man auch Angst davor hatte, dass der Computer die Menschen voneinander isoliert. Es ist vielleicht genau diese Angst vor dem – nach wie vor metaphorischen – Autismus, die die häufige Verwendung dieses Begriffs erst generiert.

Wir kommunizieren immer mehr, wir kommunizieren fast nahtlos, wie Westfahl an seinen Studenten beobachtete, und trotzdem haben wir immer mehr Angst, isoliert zu sein? Wie kann es sein, dass mit zunehmender Kommunikation auch die Einsamkeit zunimmt? Tut sie das denn überhaupt? Vielleicht handelt es sich letztendlich weniger um eine tatsächliche als vielmehr um eine übersteigert wahrgenommene Gefahr. Um Isolation um jeden Preis zu vermeiden, kommuniziert man eben immer mehr, da kommt einem die ganze social software auch gerade Recht. Man möchte sich so gerne zu jedem Zeitpunkt sicher sein, dass man hineinpasst in die Welt.

Dieser Angst den metaphorischen Begriff Autismus zu geben, liegt geradezu auf der Hand. Ich erinnere an Susan Sontags "Illness as metaphor". Was sie zu Tuberkulose im vorletzten und zu Krebs im letzten Jahrhundert schreibt, trifft nun auf den Autismus zu: "The fantasies inspired by TB in the last century, by cancer now, are responses to a disease thought to be intractable and capricious - that is, a disease not understood - in an era in which medicine's central premise is that all diseases can be cured. Such a disease is, by definition, mysterious." Heute ist es der Autismus, der nicht anklopft, bevor er eintritt, der Gast, vor dem wir Angst haben, dass er sich in einem unbemerkten Moment durch die Hintertür einschleicht. Sontag: "Any disease that is treated as a mystery and acutely enough feared will be felt to be morally, if not literally, contagious." Und so greift der metaphorische Wortgebrauch immer weiter um sich. Während in den Fällen Tuberkulose und Krebs das fundamental Abschreckende aber die Assoziation des tatsächlichen Todes war, so ist es heute im Fall des Autismusbegriffs "nur" die Assoziation des sozialen Todes.

Das Andauernde an dem Krankheitsprozess war anrüchig: "The metaphors attached to TB and to cancer imply living processes of a particularly resonant and horrid kind." Schwingt heute die autistische Isolation als Entwicklung mit in den Köpfen? Denkt man über die Genese der Metaphorisierung des Autismus nach, dann wird man tatsächlich wieder auf folgende Kernprobleme zurückgeworfen: gesellschaftliche Homogenisierung, Konformität und das gestörte Verhältnis zwischen globalem Konsens und individueller Besonderheit.

Ich war mir in meinem Kommentar zu Dath und Westfahl nicht sicher, ob die Metaphorisierung des Autismus ein gutes Handwerkzeug ist, um diese Kernprobleme anzusprechen. Westfahls Text würde ich nach wie vor nicht als Grundlage nehmen wollen, zumal er ja den Autismus als Alternative zur vielfältigen Kommunikation in einen evolutionären Ehrenstand heben will, das halte ich für eine völlig überzogene Reaktion. Für viel interessanter halte ich es, darüber nachzudenken, in welch komplexer Beziehung vielfältige Kommunikation und Metaphorisierung des Autismus zueinander stehen. Offensichtlich besteht doch ein Wechselspiel von Anziehung und Abstoßung. Übersehen wir nicht eines: wenn man von sich selbst sagt, man habe sich autistisch verhalten, dann ist das ja auch ein Kokettieren damit. So eine Aussage impliziert eine Illusion des wenigstens temporär non-konformen Verhaltens. Man will sich absetzen, genauso wie man integriert sein will. Bei einigen Menschen kann das auch mehr ein Spiel sein als eine tatsächliche Angst.

Wie Dath, der sich die Metaphorisierung ja nicht ausgedacht hat, sondern an einigen Literaturbeispielen untersucht, feststellt: die gesellschaftliche Homogenisierung schiebt die verschrobenen Autisten in die Fiktion, wo man sie aus einer sicheren Distanz heraus (im Sontag'schen Sinn: Ansteckungsgefahr gebannt) interessiert beobachten kann und möchte. Etwa bei Brenda Coopers "Savant Songs" oder Greg Egans "Distress". Dass Autismus nicht nur im Sprachgebrauch, sondern auch in der Literatur immer häufiger als Metapher auftaucht, legt auch wieder eine Nähe zu Susan Sontags Beobachtungen nahe.

Ein Problem hat man natürlich im wirklichen Leben, und zwar mit den Menschen, die sich dauerhaft aus unterschiedlichsten Gründen nicht in die Konformität einfügen lassen können oder wollen. Autisten, wirkliche und nicht metaphorische, sind nur ein kleiner Teil dieser Menschen. Und an der Stelle kann ich dann ja wieder den weitgehend fehlenden gesellschaftlichen Willen zu Vielfalt und zu Unterschieden bemängeln.

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