Viel los zum Thema Autismus: während im Oktober
an der Jacobs University in Bremen ein Autismus-Kongress stattfand, berichtete die FAZ gestern über die
1. Wissenschaftliche Tagung Autismus-Spektrum-Störungen, veranstaltet vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.
Der Artikel "Autismus hat auch seine Stärken" beginnt mit einem Überblick darüber, was Autismus ist: "Kennzeichnend für eine autistische Störung ist im Wesentlichen der Mangel oder die Unfähigkeit, sozial angemessen mit anderen zu kommunizieren." Dieses Statement wird mit zahlreichen Beispielen erfreulich sachlich erläutert.
Die Tatsache ansteigender Diagnosezahlen wird relativiert: "Zum Glück ist die Zunahme jedoch längst nicht so groß wie etwa bei Depression oder Hyperaktivität im Kindesalter. Das lässt sich anhand von Krankenhausüberweisungen feststellen", legte ein Referent der Fachtagung laut FAZ dar. Ob man Krankenhausüberweisungen wirklich als Maßstab nehmen kann? Depression und Hyperaktivität können im Krankenhaus ganz anders behandelt werden, da ist eine Überweisung immer ein logischer Schritt. Viele Kinder mti Autismus finden aber gar keinen Weg ins Krankenhaus, zumal dann nicht, wenn sie an keinen Nebenbeeinträchtigungen leiden. In unserem Fall zum Beispiel: wir waren bisher immer nur wegen Epilepsie im Krankenhaus, nie wegen Autismus, und der Autismus wurde zudem vom Krankenhaus nicht erkannt. Die Begründung einer Relativierung der Zunahme halte ich für fragwürdig, freue mich aber, dass in dem Artikel kein Hype um die Zunahme selbst betrieben wird.
Des Weiteren heißt es in dem Artikel von Martina Lenzen-Schulte: "Autistische Erkrankungen werden glücklicherweise nicht nur zunehmend entstigmatisiert, sondern sie erfahren sogar eine regelrechte Aufwertung. Zu der mitunter fast verklärenden Sichtweise tragen nicht zuletzt Berichte über besondere 'Inselbegabungen' bei, die bei etwa jedem zehnten Betroffenen vorkommen." Auch hier schließt sich dann eine differenzierte Erläuterung und Einschätzung der Inselbegabungen an. Die Autorin betont, dass es sich nur um einen geringen Prozentanteil der Autisten handelt, und dass sie ihre Begabung häufig nicht inhaltlich nutzen können.
Den Defiziten werden dann aber auch mögliche positive Aspekte gegenübergestellt: "Es gibt überdies Versuche, besondere Stärken der autistischen Struktur herauszuarbeiten. Jennifer Kirchner aus der Gruppe um Hauke Heekeren am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin stellte die Hypothese vor, dass Autisten geringere Vorurteile haben könnten, weil sie weniger den durch soziales Lernen geprägten Stereotypen erliegen. Sie fand sogar eine inverse Beziehung: Je autistischer der Patient, desto weniger vorurteilsbehaftet ist er. Ob es diesen Zusammenhang tatsächlich gibt, muss freilich erst noch in weiteren, aussagekräftigeren Untersuchungen geklärt werden."
Mir gefällt, wie sehr sich der Artikel um Ausgewogenheit bemüht. Hier ein weiteres Beispiel: "Eine der populär gewordenen Erklärungen für autistisches Verhalten lautet, dass es den Betroffenen schwerfällt, sich vorzustellen, was in anderen Menschen vorgeht. Allerdings werden solche pauschalen Annahmen immer weiter eingeschränkt." Eine kleine Mahnung zur Mäßigung in Richtung neuropsychologischer Modevermutungen: auch bei Menschen mit Autismus kann und muss man die Individualität bedenken, anstatt sie über einen neuropsychologischen Kamm zu scheren. Dies ist im Übrigen mein Hauptunbehagen in Bezug auf die Hirnforschung als Leitwissenschaft, zumindest in der generalisierenden Art, wie sie bisher oft betrieben wurde.
Das überaus treffende Fazit der Tagung: "So stellte sich heraus, dass manche Fähigkeiten, die den Kranken noch vor kurzem abgesprochen wurden, doch vorhanden sind. Manche wurden schlichtweg vom Messinstrumentarium nicht erfasst, andere werden erst durch Übung erworben. Da die meisten Tests bislang auf ein Mindestmaß an sprachlicher Kommunikation angewiesen sind, werden in aller Regel nur bestimmte Patienten, etwa jene mit Asperger-Syndrom, in die Studien eingeschlossen. Diese am Rande der Tagung mitunter als 'Eliteautisten' bezeichneten Patienten sind weniger schwer erkrankt, können sprachlich kommunizieren und sind im Durchschnitt intelligenter. Sie sind infolgedessen für die Vielzahl der anderen, weit schwerer Betroffenen nicht unbedingt repräsentativ. Viele Theorien, die aus den wohlüberlegten Studienanordnungen abgeleitet werden, dürften daher zurzeit nur mit Einschränkungen zu verallgemeinern sein."
Freude über einen endlich guten Artikel über Autismus.
wasweissich Allgemeines - 20. Dez, 09:07