Wirkvariablen bei der Therapie des frühkindlichen Autismus

Zusammenfassung des gestrigen Symposiums an der Universität Potsdam. Zielsetzung des Symposiums: Zusammenbringen von Vertretern der Autismustherapie, die kommunikativ-prozessorientiert, auf der Grundlage lerntheoretischer Konzepte oder medikamentös behandeln. Vergleichsmöglichkeit und Diskussion der unterschiedlichen Ansätze.

1. Dr. Ronnie Gundelfinger aus Zürich sprach größtenteils über Mifne und die recht neue Therapieform RDI (Relationship Development Intervention), ABA behandelte er eher am Rande, es ist den meisten sowieso bekannt. Mifne ist hebräisch und bedeutet "Wendepunkt". Hanna Alonim gründete 1987 das Mifne-Institut in Israel, sie arbeitet mit einem familienorientierten Bindungsmodell. Es handelt sich bei Alonims Ansatz um eine hoch-intensive Therapie, die sieben Tage in der Woche erfolgt, die Therapiesitzungen finden in einem einzigen Zimmer statt und anfangs wechseln sich Therapeuten alle 90 Minuten in dem Zimmer ab. Der Vortragende Dr. Gundelfinger ist seit 7-8 Jahren mit dem Institut in Kontakt und arbeitet zurzeit daran, ein Mifne-Zentrum in der Schweiz aufzubauen. Er zeigte sehr interessante Videos mit Fallbeispielen, die eindrucksvoll die Entwicklung der Kinder dokumentierten. (Dr. Gundelfinger wies allerdings zu Recht darauf hin, dass es sich bei solchen Videos natürlich immer auch ein bisschen um Werbevideos handelt.) Mifne ist ein ganzheitlicher Ansatz und gehört zu den kommunikativ-prozessorierten Therapien.

RDI ist ein von Steven Gutstein entwickelter Ansatz, der für Autisten jeden Lebensalters angewendet werden kann (im Gegensatz zu Mifne und ABA, die intensive Frühförderprogramme für kleine Kinder sind). Die Relationship Development Intervention geht von der grundlegenden Beobachtung aus, dass Autisten sich in statischen Systemen wohlfühlen und wenn sie in ein dynamisches System kommen, dann versuchen sie, dieses dynamische in ein statisches System umzufunktionieren. Als Beispiel brachte Dr. Gundelfinger die Situation in einem Warenhaus: nimmt man einen Autisten mit in so eine lebhafte Umgebung, dann fährt er vielleicht z.B. die ganze Zeit nur eine Rolltreppe hoch und die andere wieder herunter und wiederholt diesen Vorgang, schafft sich so in diesem Raum sein statisches System. RDI setzt an diesem Grundverhalten an und versucht, den Autisten dazu zu befähigen, sich in dynamischen Systemen zu bewegen. Autisten sind statischen Systemen verhaftet, weil ihnen die Fähigkeit zum Referenzieren fehlt, sie können darum soziale Interaktion nicht einordnen wie andere Menschen. Aus diesem Mangel entsteht eine elementare Unsicherheit und eine Vermeidung dynamischer Systeme. RDI setzt an der sozialen Interaktion an und zwar über den Ansatz des "experience sharing" (ein wesentlicher Unterschied zu sowohl Mifne als auch ABA, die beide auf ein Ziel ausgerichtet sind und mittels instrumenteller Interaktion arbeiten).

Den Ansätzen Mifne, ABA und RDI ist gemeinsam, dass sie alle drei hoch-intensive 1:1 Ansätze sind. Eine Gemeinsamkeit von Mifne und RDI ist es, dass sie speziell für Autisten entwickelt wurden (ABA ist ein grundsätzlicher, nicht nur für Autisten spezifischer lerntheoretischer Ansatz). Dr. Gundelfinger sieht im RDI-Ansatz viele Verbindungen von Mifne und ABA. RDI wird nächsten Monat in Zürich gestartet.

2. Dr. Marijke Rutten-Saris aus Nijmwegen sprach über EBL (Emerging Body Language). Sie ist Kunsttherapeutin und hat das EBL-Konzept entwickelt, in dem sie mit verschiedenen Therapeuten zusammenarbeitet. Der Anfang der Therapie besteht darin, eine Bewegung des Autisten aufzunehmen und zu spiegeln. Der Therapeut übernimmt den Rhythmus des Autisten und bewegt sich in diesem Rhythmus mit. Die Bewegung wird den von Autisten ja oft wiederholt und da erfolgt irgendwann eine Intervention: eine Pause wird in den Ablauf integriert. Pausen sind elementarer Bestandteil der versuchten Strukturierung. Wenn es keine Pausen gibt, dann internalisiert sich nur die Bewegung (wie im normalen autistischen Ablauf), nicht aber eine Erfahrung von Struktur. Die wird durch die Einführung einer Pause langsam eingeführt. Emerging body language ist ein sehr kontinuierlich arbeitender Ansatz, Dr. Rutten-Saris arbeitet viele Jahre mit den Kindern. Im Verlauf der Therapie werden im fortschreitenden Können des Autisten immer neue Ebenen hinzugefügt: nach der Abstimmung/Spiegelung erfolgt eine Abwechslung (zunächst durchläuft der Autist alleine eine Bewegungssequenz, der Therapeut beobachtet, danach durchläuft der Therapeut dieselbe Sequenz und der Autist beobachtet), die dritte Ebene beinhaltet eine Auswechslung (ein neues Element wird irgendwo in die Sequenz eingefügt), eine vierte Ebene ist ein Spieldialog, eine fünfte Ebene das Benennen der Aktion.

3. Dr. Ott und Herr Cordes vom Institut für Autismusforschung Hans E. Kehrer aus Bremen sprachen über das Bremer Elterntraining. Es handelt sich dabei um ein neues Programm, das bisher in zwei Pilotprojekten erprobt wurde. Die Pilotprojekte sind Vorläufer eines möglichen DFG-Projektes. Pro Projekt nahmen drei Eltern und ihre Kinder teil, die Dauer einer Therapie ist sechs Monate und die Therapie findet im Haus des autistischen Kindes statt. Die gewohnte Umgebung wird so umstrukturiert, dass sie für ein autistisches Kind bestmögliche Lernvoraussetzungen bietet (reizarme Umgebung). Auch beim Bremer Elterntraining handelt es sich um einen hoch-intensiven Ansatz (30 Stunden pro Woche im 1:1 Ansatz). Das Programm richtet sich stark nach dem ABA Training und Ziel ist es, die Eltern zur wesentlichen Förderung ihres Kindes auszubilden. Innerhalb der sechs Monate sind insgesamt 8-10 Personen für eine Familie zuständig. Das Bremer Elterntraining besteht aus sieben Teilen: Entwicklungsdiagnostik, Basiskurs, Haustraining 1, Therapiephase 1, Aufbaukurs, Haustraining 2, Therapiephase 2. Für die Nachsorge gibt es ein Supervisionsmodell. Im zweiten Pilotprojekt berichtet Herr Ott von wesentlichen Erfolgen.

4. Jochen Busse aus Recklinghausen sprach über medikamentöse Therapie. Behandelt wird in der medikamentösen Therapie natürlich nicht das Syndrom Autismus selbst, sondern behandelt werden aus dem Syndrom entstehende Störungen, und zwar dann, wenn diese Störungen so massiv sind, dass sie gefährlich werden (Fremdaggression, Sachaggression, Autoaggression) und durch Verhaltenstherapie nicht mehr ausreichend kontrolliert werden können. Jochen Busse lieferte zunächst einen guten Überblick über die unterschiedlichen Psychopharmaka, in Frage kommen für Autisten vor allem Neuroleptika, Antidepressiva, Tranquilizer und Stimmungsstabilisatoren. Oft verordnet werden atypische Neuroleptika (Risperdal, Zyprexa etc.). Mit großer Vorsicht zu verordnen ist die Gruppe der Tranquilizer, da Autisten häufig paradox auf Benzodiazepine reagieren (Diazepam, Lorazepam etc.) Jochen Busse hat in seiner langjährigen Praxis der medikamentösen Therapie von Autisten die Erfahrung gemacht, dass die Gruppe der Stimmungsstabilisatoren sehr gut geeignet ist. Ursprünglich für bipolare Störungen entwickelt, enthält diese Medikamentengruppe vor allem auch Antikonvulsiva wie Valproat, Lamotrigin und Topiramat (Orfiril, Ergenyl, Lamotrigin, Topamax etc.) Denn Autisten, so beobachtet Busse in seiner Praxis, leben stark in Phasen. Keiner hat permanent massive Verhaltensprobleme, die Abwechslung von guten und schlechten Phasen ist bei Autisten die Regel. Insofern geht es bei der medikamentösen Therapie um eine Stabilisierung auf einem bestmöglichen Level. Und ansonsten folgt man dem Grundsatz: in guten Phasen fördern und fordern und Grundlagen schaffen, in schlechten Phasen schützen und bewahren und Chronifizierung von negativen Verhaltensweisen verhindern. Einige weitere Beobachtungen: Autisten kennzeichnet nicht so sehr zwanghaftes Verhalten (wenn die Innenkontrolle versagt, wird zwanghaft etwas getan, um Unlust abzubauen), sondern dranghaftes Verhalten (wenn die Außenkontrolle nicht da ist, tun sie etwas, von dem sie wissen, dass es nicht gewünscht wird und erzielen daraus einen Lustgewinn). Außerdem verhalten sich Autisten weniger impulsiv (überzogene Reaktion aufgrund von Überforderung) sondern expulsiv (von außen nicht nachvollziehbare Enthemmung).

5. Veranstalter des Symposiums war die Psychologisch-Psychotherapeutische Ambulanz des Institutes für Psychologie der Universität Potsdam in Zusammenarbeit mit dem Institut für Autismusforschung Hans E. Kehrer e. V. Bremen. Vertreter des Veranstalters Ambulanz und Dozent an der Akademie für Psychotherapie und Interventionsforschung Dr. Hellmut Hartmann aus Potsdam sprach über AIT (Aufmerksamkeits-Interaktions-Therapie). Diese Therapie gehört zu den Ansätzen, die kommunikativ-prozessorientiert arbeiten. Ziele sind die Zunahme von wechselseitiger Interaktion, die Zunahme von Spontanverhalten und die Zunahme der Differenziertheit dieses Verhaltens. Dr. Hartmann zeigte einige Videosequenzen, in denen man seine Arbeit an der Interaktion sehr gut nachvollziehen konnte. Wie bei allen Therapieformen ist das erste Problem natürlich die Kontaktaufnahme mit dem autistischen Kind, hier merkte man, wie er die oft etwas ratlos wirkenden Eltern anleitete, zunächst auf die Handlungen des Kindes einzugehen (Kind schlägt die Schranktür auf und zu, Mutter schlägt auch die Schranktür). Insofern wieder das Konzept: Warten mit freischwebender Aufmerksamkeit auf den Impuls des Kindes und spiegeln der Aktion als Grundlage. Danach folgt das parallele Handeln: Materialien, die für das Kind interessant sein könnten, werden in die Nähe gelegt, ohne das Kind direkt aufzufordern. Die Materialien werden dann von den Eltern/ dem Therapeuten benutzt und auf eine Reaktion des Kindes (Interesse an der Teilnahme an der Aktion) gewartet. Beliebte Interaktionen bei AIT sind Überraschungs- und Fangspiele, Monster- und Löwenspiele, Kämpfe. Weitere Aspekte von Interaktionsangeboten: Veränderung von Interaktionsmustern, Erzeugen von Spannung und Aufmerksamkeit durch Weglassen von bekannten Dingen oder durch eingeführte Verzögerungen, Einführung von Überraschungsmomenten in bekannte Interaktionsmuster. Wesentliche Gegensätze zu ABA: keine minutiöse Planung des Ablaufs, sondern prozessorientiert, keine ausschließliche Reduktion der Vorgaben auf den Therapeuten, sondern wechselseitige Vorgaben durch Therapeut und Kind, keine detaillierten Zwischenziele sondern übergreifende Rahmenziele.

6. Barbara Rittmann aus Hamburg sprach über die Differentielle Beziehungstherapie. Bei diesem Ansatz handelt es sich nicht wirklich um eine Methode, sondern mehr um eine therapeutische Haltung. Rittmann ist Diplom-Psychologin. Die von ihr und dem Team des Autismus-Zentrums Hamburg praktizierte Differentielle Beziehungstherapie wurde 1989 von Hartmut Janetzke entwickelt. Es geht den Therapeuten darum, ganzheitlich beziehungsfördernd die emotionalen, geistigen und sprachlichen Fähigkeiten der Kinder entwickeln zu helfen. Auch hier ist wieder der Ansatzpunkt: "Wir benutzen die Auffälligkeiten der Kinder als Eintrittskarte für unsere Arbeit" (Janetzke). Da den Autisten die beziehungsfähigen Austauschprozesse fehlen, will dieser Ansatz zunächst Beziehungsfähigkeit im Übermaß kompensatorisch anbieten, um einen Beziehungskredit vom Kind und seine Anpassungsbereitschaft zu bekommen. Dann arbeitet man zunächst durch Vereinfachungen. Autisten konzentrieren sich mehr auf Dinge, da Menschen für sie viel zu komplex und daher unberechenbar sind. Wenn man sich als Mensch also als kontrollierbar darstellt, sich als gut funktionierendes Objekt anbietet, sich quasi "verdinglicht", dann kann man als Mensch für einen Autisten genauso reizvoll sein wie ein Ding. Ziel ist es sogar, sich durch sein vereinfachtes und verdinglichtes Verhalten noch reizvoller zu machen als die Dinge, die den Autisten sonst interessieren. Hierzu zeigte Barbara Rittmann eindrucksvolle Videobeispiele. Die Differentielle Beziehungstherapie unterscheidet sich von allen hoch-intensiven Ansätzen dadurch, dass sie einerseits nicht hoch-intensiv durchgeführt wird (Kinder kommen einmal in der Woche ins Zentrum) und andererseits aber auch dadurch, dass sie einen ganz anderen Anspruch formuliert: sie will nicht fordern, sondern motivieren und sie hat nicht das Abtrainieren unerwünschter Verhaltensweisen (wie Stereotypien) zum Ziel, sondern Ziel ist es, die Lebensfreude des Kindes zu fördern. Erst auf der Grundlage der Lebenszufriedenheit können weitere Lernziele wie größere Selbständigkeit angestrebt werden. Die Therapeuten dieses Ansatzes gehen davon aus, dass ein autistisches Kind keinen Zugang zu all seinen kognitiven Potenzialen hat und akzeptieren diese Tatsache.

7. Dr. Kumbier aus Rostock sprach abschließend über die medikamentöse Therapie Erwachsener mit Autismus. Er nahm den Überblick über die Psychopharmaka von Jochen Busse auf und erläuterte auf dessen Grundlage noch weitere Details. Auch bei ihm war deutlich zu spüren, dass er einen sehr umsichtigen Umgang mit Medikamenten praktiziert und propagiert. Er lieferte ein eindrucksvolles Fallbeispiel eines Patienten, der wegen seiner Fremdaggressionen aus der Wohngruppe entfernt zu werden drohte, in der er lebte. Als letzte Möglichkeit, dies zu verhindern, wurde der Mann in die Klinik Rostock eingeliefert. Bei der ersten Vorstellung wirkte er müde und seine Sprache war verwaschen. Er war bei der Einlieferung auf fünf Medikamente eingestellt. Als seine Blutwerte überprüft wurden, stellte man fest, dass die verordneten Tranquilizer vierfach zu hoch dosiert waren (daher die massiven Nebenwirkungen der Müdigkeit und der verwaschenen Sprache), dass aber der verordnete Stimmungsstabilisator Valproat weit unterhalb des therapeutischen Bereiches lag. Generell sollte darauf geachtet werden, dass Wechselwirkungen verschiedener Medikamente vermieden werden, daher gibt man heutzutage auch eigentlich nicht mehr fünf Medikamente, da die Wechselwirkungen dann kaum noch zu kontrollieren sind.

Es war ein spannendes und sehr breit gefächertes Symposium, in dem gänzlich unterschiedliche Ansätze zu Wort kamen, entsprechend lebhaft daher auch die im Anschluss geführte Plenumsdiskussion. Der Trend zu den hoch-intensiven Programmen war deutlich spürbar.

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